Ein argentinisches Bundesgericht unter dem Vorsitz von Richter Santiago Inchausti hat eine wegweisende Restitutionsentscheidung getroffen: Das Gemälde „Porträt einer Dame“ – ein Werk aus dem 18. Jahrhundert, das dem italienischen Meister Giacomo Antonio Melchiorre Ceruti zugeschrieben wird – muss an den Nachlass des verstorbenen niederländisch-jüdischen Kunsthändlers Jacques Goudstikker zurückgegeben werden. Die Entscheidung ist ein bedeutender Erfolg für die historische Gerechtigkeit sowie internationale Eigentumsrechte und stärkt die Rechtsmechanismen zur Rückverfolgung und Wiederbeschaffung von NS-Raubgut.
Digitale Recherche und Vermögensverfolgung
Der Durchbruch bei der Lokalisierung des Kunstwerks gelang dem niederländischen Journalisten Peter Schouten durch Open-Source-Recherchen. Auf der Suche nach Objekten aus Goudstikkers historisch katalogisierter Sammlung von fast 1.400 Werken – die vom NS-Regime geraubt und unter anderem von Hermann Göring erworben worden waren – entdeckten Ermittler das Gemälde auf Fotos in einer Online-Immobilienanzeige für ein Anwesen im argentinischen Mar del Plata. Das Anwesen gehörte der Tochter des ehemaligen NS-Finanzbeamten Friedrich Kadgien, was die entscheidende Rolle moderner digitaler Transparenz beim Aufspüren verborgener Vermögenswerte verdeutlicht.
Rechtliche Durchsetzung und gerichtlicher Präzedenzfall
Trotz anfänglicher Verweigerung der Kooperation und eines Versuchs, das Meisterwerk nach einem Polizeieinsatz im August 2025 zu verstecken, gelang es den argentinischen Bundesbehörden, das Gemälde sicherzustellen. Vertreten durch die New Yorker Kunstrechtsspezialistin Yael Weitz und den Rechtsanwalt Herberto Robinson konzentrierte sich Goudstikkers Alleinerbin Marei von Saher in ihren rechtlichen Schritten rein auf die Wiederbeschaffung und den Schutz des Kulturguts, anstatt finanzielle Schadenersatzansprüche gegen die Besitzer zu stellen.
Weitreichende Bedeutung für globale Restitutionen
Das von Argentiniens Nationalakademie der Schönen Künste auf rund 250.000 Euro geschätzte Werk stieß mit seiner Rückgabe bei regionalen jüdischen Institutionen wie der Sociedad Union Israelita Marplatense auf große Zustimmung. Strategische Analysten sehen in der erfolgreichen Rückgabe einen ermutigenden Rahmen für zukünftige Restitutionsansprüche weltweit. Dies unterstreicht, wie grenzüberschreitende rechtliche Zusammenarbeit und beharrliche Recherche gestohlenes Kulturgut erfolgreich an die rechtmäßigen Eigentümer zurückführen können.
